BUND Regionalverband Bodensee-Oberschwaben

Klima- & Artenschutz müssen zusammengebracht werden

04. März 2022

Naturschutzverbände begleiten das Windpark-Projekt in Hoßkirch im Landkreis Ravensburg

Unter mindestens fünf relevanten Fledermaus-Arten wurden Rauhhautfledermäuse im Wagenhardt nachgewiesen  (Dietmar Nill / NABU)

Gemeinsame Pressemitteilung Landesnaturschutzverband (LNV) Arbeitskreis Ravensburg,
BUND Regionalverband Bodensee-Oberschwaben und NABU Bodensee-Allgäu-Oberschwaben

 

(Hoßkirch, Landkreis Ravensburg) „Angesichts des immer dramatischer voranschreitenden Klimawandels und unserer starken Abhängigkeit von Energieimporten stehen wir vor der Aufgabe, unseren Energieverbrauch zu reduzieren und möglichst rasch aus erneuerbaren Energien zu gewinnen. Ohne Klimaschutz könnte der Naturschutz für viele Arten und Lebensräume bald überflüssig werden, da sie die rapide Veränderung ihrer Lebensbedingungen nicht überleben“ ist Ulfried Miller vom BUND Bodensee-Oberschwaben überzeugt und führt das Beispiel der Amphibien auf. Kritische Stimmen mahnen jedoch die Artenschutzbestimmungen im Bundesnaturschutzgesetz an, weisen auf den Rückgang von Rotmilan-Populationen in der Nähe von Windkraftanlagen hin und sprechen von „Schredder-Anlagen“.

Die Umwelt- und Naturschutzverbände arbeiten hier schon länger an gangbaren Kompromissen und Lösungen. So stellte der Landesvorsitzende des NABU Baden-Württemberg, Johannes Enssle, Anfang Januar im Rahmen der Naturschutztage am Bodensee eine Liste gemeinsamer konkreter Forderungen von NABU und BUND vor. „Klimaschutz und der Erhalt der biologischen Vielfalt können langfristig nur zusammen erfolgreich sein. Windenergieanlagen (WEA) sollten vorrangig dort errichtet werden, wo möglichst viel Wind weht und im landesweiten Vergleich die geringsten Konflikte mit dem Natur- und Artenschutz zu erwarten sind“. Anhand einer Karte müssten landesweit Schutzräume für windenergiesensible Vogel- und Fledermausarten definiert und neue Mittel für den Artenschutz bereitgestellt werden. Dann könne man andererseits Vorranggebiete für rascher umsetzbare Windenergieanlagen ausweisen.

Wie Windkraftbetreiber, Behörden und Naturschutzverbände sich derzeit um akzeptable Lösungen bemühen, beschreibt Sabine Brandt vom NABU Allgäu-Donau-Oberschwaben am Beispiel des geplanten Windparks in Hoßkirch. Im Waldgebiet Wagenhardt zwischen Hoßkirch, Bad Saulgau und Ostrach wurde Ende 2021 die Genehmigung von sechs neuen Windkraftanlagen beantragt. Unterstützt vom Baden-Württembergischen Forum Energiedialog wurde eine Dialoggruppe ins Leben gerufen, der neben lokalen Politikern und der planenden Firma auch Anwohner*innen sowie Vertreter*innen der Naturschutzverbände mit ihren Expert*innen angehören.

„Die frühzeitige Einbindung der Öffentlichkeit hat hier vorbildlich funktioniert“ meint Bruno Sing vom BUND-Regionalvorstand. Eine Info-Veranstaltung im Dorfgemeinschaftshaus Hoßkirch im Oktober 2021 war gut besucht, für Fragen aus dem Publikum stand Andrea Molkenthin-Keßler vom Gemeinschaftsprojekt „Dialogforum Energiewende und Naturschutz“ von BUND und NABU zur Verfügung. Über das Dialogforum wurden die vor Ort aktiven Umwelt- und Naturschutzgruppen wie zum Beispiel das Naturschutzzentrum Wilhelmsdorf frühzeitig in das Verfahren eingebunden. Bei Vorort Terminen und in mehreren Videokonferenzen wurden unterschiedliche Konfliktfelder besprochen und Verbesserungen geplant. „Der Austausch mit den Projektentwicklern lief dabei auf Augenhöhe und der Informationsfluss funktionierte“, resümiert Frau Molkenthin-Keßler. So wurden die Standorte einzelner Anlagen verschoben, um Kollisionen im Nahbereich von Greifvogelhorsten zu vermeiden.

Laut Projektmanager Maximilian Weiß wurden die Natur- und Artenschutzmaßnahmen von Anfang an mit der unteren Naturschutzbehörde abgestimmt, insgesamt 17 Hektar Land sind als Ausgleichsflächen vorgesehen. In 2020 gab es umfangreiche Untersuchungen zum Vorkommen von Vögeln am Standort wie dem Rotmilan oder dem Wespenbussard, auch Netzfänge von Fledermäusen zur Ermittlung der Lebensräume durch Peilsender wurden durchgeführt.

Da besonders die windkraftsensiblen Roten Milane gerne auf offenen Flächen auch im Wald jagen, sollen im Bereich der Windenenergieanlagen Rodungs-, sowie bereits vorhandene Windwurfflächen aufgeforstet werden. Im Bereich außerhalb des Waldes sind durch offene Flächen und gepflegte Sukzessionsflächen sogenannte Ablenkflächen geplant. Um den Verlust von Fledermäusen zu minimieren, sind automatische Abschaltzeiten und ein Gondelmonitoring vorgesehen, hierbei wird das Flugaufkommen akustisch erfasst und die Anlagen bei Bedarf abgeschaltet, berichtet Sabine Brandt vom NABU.

Der Landesnaturschutzverband (LNV) Arbeitskreis Ravensburg, der BUND Regionalverband Oberschwaben und der NABU Bodensee-Allgäu-Oberschwaben mit seinen Fledermaus-Arbeitskreisen halten diese geplanten Maßnahmen in ihrer gemeinsamen, umfangreichen Stellungnahme von Mitte Dezember noch nicht für ausreichend. Sie fordern das Landratsamt Ravensburg auf, im Abwägungsprozess weitere Schutz- und Ausgleichsmaßnahmen umzusetzen: „Allem voran muss ein ausreichender Energieertrag am konkreten Standort nachgewiesen werden“, sagt Georg Heine vom LNV im Kreis Ravensburg. Für windkraftempfindliche Vogel- und Fledermausarten wird die modernste verfügbare Abschalttechnik gefordert. Die Aufforstungsflächen im Wald müssten im Sinne einer zukunftsgerechten Waldwirtschaft aus Laubmischwäldern bestehen, ihre Aufforstung und Pflege systematisch überwacht werden. Im Sommer 2022 soll nun über die Errichtung dieser Windkraftanlagen entschieden werden. Gemeinsam mit dem Projektentwickler sucht eine Gruppe aus verschiedenen Natur- und Umweltschutzverbänden inzwischen nach geeigneten Flächen, die mit Hilfe der zu leistenden Ausgleichszahlungen im Sinne des Naturschutzes aufgewertet werden können.

Diese Zukunftsfragen werden für das Leben unserer Kinder und Kindeskinder sehr bedeutsam sein und immer bedeutsamer werden. Sie erfordern Vorausschau, die Abwägung unterschiedlicher Bedürfnisse und in jedem Fall rege Beteiligung möglichst vieler Menschen und Fachleute, Politiker*innen und Bürger*innen gleichermaßen. Nur gemeinsam können wir unsere Zukunft gut gestalten.

 

Rückfragen:

Sabine Brandt, NABU Allgäu-Donau-Oberschwaben Telefon 0176/47636052, E-Mail sabine.brandt(at)nabu-bw.de

Ulfried Miller, BUND-Regionalgeschäftsstelle Ravensburg, Telefon 0751/21451, E-Mail ulfried.miller(at)bund.net

Barbara Herzig, BUND Bad Saulgau, Telefon 0151/55625926, E-Mail barbara.herzig(at)t-online.de

 

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